Saturday Night Palsy – keine Zeit zu lahmen

Gelegentlich begegnen wir im Rettungsdienst oder in der Notaufnahme auch mal Patient*innen mit akuten Lähmungen. Wir denken alle sofort an einen Schlaganfall – dabei gibt es eine ganze Menge anderer Ursachen für eine Parese. Ein Klassiker ist die Radialisdrucklähmung, den old school Neurolog*innen als Lesion des amoureux bekannt.

Im Englischen wird sie neben Saturday Night Palsy auch Honeymoon Paralysis genannt.

Ätiologie

Dieser klassische Fall einer Radialisparese entsteht durch Druck im Verlauf des N. radialis um den Humerus. Häufig ist er eine Folge eines über längere Zeit in einer passenden Position gelagerten Oberarmes: zum Beispiel unter dem Kopf einer Partnerperson, auf der Lehne einer Parkbank beim Date oder doch im Rahmen einer Alkoholintoxikation. Eine andere wichtige Ursache für Lähmungen in diesem Bereich ist vor allem eine Humerusfraktur.

Peripher oder zentral?

Wie unterscheidet man dies nun schnell von einem Schlaganfall?
Unser wichtigstes Tool ist hier eine gute klinische Untersuchung. Grade wenn die Symptome einem von vornherein schon typisch vorkommen, sollte man nicht zu schnell zur Bildgebung greifen, sondern sich die Zeit für Gründlichkeit durchaus nehmen.

Wie äußert sich eine periphere Läsion?
In der klinischen Untersuchung sind ausschließlich die Muskeln und Hautareale betroffen, die vom N. radialis versorgt werden.
Bedeutet: Am eindrücklichsten betroffen sind insbesondere die Extensoren der Hand und Finger, ergo: die Hand und die Finger hängen schlaff runter und können nicht angehoben werden (klinisches Bild der Fallhand). Darüber hinaus sind am Unterarm auch die Supinatoren (drehen den Unterarm nach außen) und die Radialisgruppe (unterstützen bei Beugung des Unterarms) betroffen.
Bei der typischen Lähmung am Oberarm ist außerdem eine Sensibilitätsstörung zu finden. Hier ist der radiale Teil des Handrückens betroffen und dort vor allem der Abschnitt zwischen Daumen und Zeigefinger.
In seltenen Fällen ist auch die Funktion des Trizeps eingeschränkt, was sehr von der Höhe der Läsion und dem Abgang der versorgenden Äste abhängt und für die Einschätzung in der Notfallsituation weniger relevant ist.

Was ist die Differentialdiagnose?
Ein Pitfall ist jedoch die „zentrale Fallhand“ aka cortical hand syndrome. Ursächlich hierfür ist ein Infarkt in dem sogenannten „hand-knob“ Bereich des motorischen Hirnrinde – hier wird die Handmotorik durch den Kortex gesteuert. In diesem Fall sind allerdings auch andere (nicht durch den N. radialis innovierte) Muskeln betroffen, vor allem die Fingerbeuger. Und typischerweise hat man hierbei keine sensiblen Ausfälle, da es sich um einen Infarkt im motorischen Kortex handelt.

Konkrete Untersuchungstips
Folgende Untersuchungsbefunde sind typisch auffindbar:
Wenn der Unterarm waagerecht ist, fällt die Hand herunter und Finger und Hand können nicht angehoben werden.
Die Beugung des Unterarmes ist im Seitenvergleich weniger kräftig.
In der Mulde zwischen Daumen und Zeigefinger spürt unser Patient nichts mehr und darum herum ist das Gefühl gedämpft.
Der sogenannte Radiusperiostreflex ist im Vergleich zur Gegenseite schwächer bis gar nicht auslösbar (bei einem Infarkt kann dies auch so sein, er kann dann aber auch gesteigert sein).
Wenn man zur Differentialdiagnostik die Funktion der Fingerbeuger prüft, muss man zwingend darauf achten, dass diese nur untersucht werden kann, wenn die Hand nicht ohnehin schon flektiert (gebeugt) ist, wie es bei der Fallhand eben der Fall ist. Die Hand sollte also bei der klinischen Untersuchung in Neutralposition gebracht werden, um die Kraftgrade korrekt zu erfassen.
Alle anderen motorischen und sensiblen Funktionen müssen normal sein bzw. dem Vorzustand entsprechen.

Bei einer zentralen Lähmung oder Plexuslähmung sind Ausfälle außerhalb des Versorgungsgebietes des N. radialis zu erwarten.

Die Diagnose wird klinisch bei typischer Anamnese gestellt. Plexusschäden und zentrale Paresen sollten ausgeschlossen werden. Dies gelingt mit ausreichender Sicherheit durch eine gute neurologische Untersuchung; eine Bildgebung ist meistens nicht notwendig. Viel eher als die Bildgebung ist eine Elektroneurographie (ENG) sinnhaft.

Die Diagnosestellung erfolgt klinisch. Bei passenden Befunden und Anamnese ist eine Bildgebung nicht zwingend.

Therapie

Die Symptome sind in der Regel spontan rückläufig, was jedoch Wochen bis Monate dauern kann. Die konsequente Druckentlastung stellt den Grundpfeiler der Therapie dar. Darüber hinaus können zur Verbesserung der Handfunktion Schienen zur Dorsalextension der Hand eingesetzt werden. Ansonsten sind (wie immer) Physiotherapie und bei neuropathischen Schmerzen die passende Analgesie sinnvoll.

Fazit

Die Saturday Night Palsy ist ein klassisches Beispiel für eine kompressionsbedingte Nervenläsion, die meistens harmlos verläuft. Im Notfallsetting sollte sie richtig erkannt werden, um unnötige Diagnostik und Angst bei den Patient*innen zu vermeiden.

Ausgewählte Literatur

  1. Hufschmidt, Andreas; Rauer, Sebastian; Glocker, Franz Xaver (Hrsg.): Neurologie compact. Für Klinik und Praxis, 9. Auflage, Stuttgart 2022, Georg Thieme Verlag
  2. Ropper, Allan H., et al. Adams and Victor’s Principles of Neurology. 12th ed., McGraw-Hill Education, 2023. 

 


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