Neurokritische Notfallmedizin

Bei vielen neurologischen Erkrankungen ist ein zeitkritisches Handeln essentiell, um Hirngewebe zu retten und Funktionen aufrechtzuerhalten. Abgesehen von D-Problemen, kann es bei neurologischen Krankheitsbildern zusätzlich zu ordentlichen A-, B- oder C-Problemen kommen. Die Stabilisierung bei einem neurologisch-kritischen Krankheitsbild, unabhängig von der Genese, kann man als „Brain Care“ verstehen.
Im Schockraum heißt das: stabilisieren, das klinische Bild als fokal oder diffus einordnen, die ersten diagnostischen und therapeutischen Schritte einleiten. Und dann gemeinsam mit Neurologie, Neuroradiologie und Neurochirurgie dafür sorgen, dass die Patientin ans richtige Ziel kommt.

Brain Care

Quicksheet Brain Care
A Atemweg freihalten bzw. sichern, ggf. Wirbensäulenimmobilisation
B Adäquate Oxygenierung und Ventilation sicherstellen, etCO2 Monitoring etablieren. Ziel: Normoxämie, Normokapnie. Bei Hirndruckkrise ggf. kurzzeitige Hyperventilation (etCO2 32-35 mmHg)
C Zerebrale Perfusion sicherstellen, Normovolämie anstreben, Blutdruckgrenzen bei diversen Krankheitsbildern beachten: 
Ischämischer Schlaganfall: tolerieren bis RR syst. 220 mmHg, diast. 120 mmHg
Lyse und MTE: RR strikt < 185/110 mmHg (aber nicht < 140 mmHg senken!), vor Lyse sogar 180/105 mmHg
ICB: Ziel-RR syst. 110-140 mmHg 
SAB: Ziel-RR syst. 140-160 mmHg
Hypotonie vermeiden!
D WASB (aka AVPU), Pupillen, Meningismus, fokussierte neurologische Untersuchung (ggf. NIHSS), Normoglykämie anstreben, ggf. tiefe Sedierung oder anfallssupprimierende Medikation 
E Normothermie anstreben, ausreichende Analgesie und Anxiolyse, Ausgleich von Elektrolytstörungen

Merke: Alles „Normo“ – Normokapnie, Normoxämie, normale Elektrolyte, normale Temperatur, Normovolämie, Normoglykämie – nur Blutdruck angepasst ans jeweilige Krankheitsbild

Relevante Krankheitsbilder

Bei folgenden neurologischen Krankheitsbildern ist Brain Care besonders wichtig:

  1. Meningitis und Enzephalitis
  2. Status epilepticus
  3. Schlaganfall (ischämisch, hämorrhagisch, Subarachnoidalblutung, Hirnvenen- und Sinusthrombose)
  4. Akute nicht-traumatische generalisierte Muskelschwäche (akinetische Krise, myasthene Krise, Guillain-Barré Syndrom)
  5. Schädelhirntrauma
  6. Rückenmarksverletzungen

Klinik

Neurokritische Notfälle äußern sich meistens durch folgende Symptome:

  • Bewusstseinsstörung
  • Fokal-neurologische Defizite
  • Epileptische Anfälle
  • Generalisierte muskuläre Schwäche
  • Kopfschmerzen

Fixierungsfehler vermeiden! Stürze mit Begleitverletzungen können im Rahmen von fokalen Defiziten, Schwäche oder Vigilanzminderung vorkommen.

Disposition

Die meisten neurokritischen Patient*innen werden auf Stroke Unit, Intermediate Care Unit (IMC) oder auf der Intensivstation behandelt.

Indikationen für intensivmedizinische Therapie
Hochgradige Bewusstseinsminderung
Rezidivierende epileptische Anfälle oder refraktärer Status epilepticus
Zeichen einer intrakraniellen Druckerhöhung
Atemantriebsstörung mit persistierender Hyperkapnie
Schwere Dysautonomie
Schwere Schluckstörung
Andere relevante Störungen der Homöostase (z. B. schwere metabolische Azidose oder Elektrolytstörung, Hypo- oder Hyperthermie)
Relevante Komorbiditäten

Zusammenfassung

Bei neurokritischen Notfällen die Prinzipien des Brain Care konsequent und strukturiert durchgehen.

Ausgewählte Literatur

  1. Netou-Kandylidou, Z. Neurologische Notfälle, in: Sauer D., Herdtle S., Kiefl D. (Hrsg). Klinikleitfaden Klinische Akut- und Notfallmedizin. München: Elsevier, 2023. S. 330-356 
  2. Emergency Neurological Life Support: https://www.neurocriticalcare.org/NCS-Learning-Center/ENLS
  3. https://emcrit.org/ibcc/toc/#neurology
  4. Albin, C. S. W., & Zafar, S. F. (Eds.). (2022). The Acute Neurology Survival Guide: A Practical Resource for Inpatient and ICU Neurology. Springer Nature Switzerland AG. https://doi.org/10.1007/978-3-030-75732-8 

 


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